Das glänzende Herz des Hauses


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2009 - Klavierklang ruft Erinnerungen wach

Als ich 12 war, schmiss mein Vater eine Willkommens-Feier für ein neues Familienmitglied.

Groß, schwarz, samtpfotig: ein Steinway-Flügel.

Davor hatten wir den Bösendorfer, den mein Vater zur Matura geschenkt bekommen hatte.

Die Tradition meines Clans will es, dass wir zu wichtigen Initiationsriten dauerhafte Werte geschenkt bekommen,
und aus irgendeinem Grund assoziiert mein Clan mit ‚dauerhaft‘ hauptsächlich Instrumente.

Wir wollen nichts Schnelles, an dem man sich das Genick brechen kann – höchstens die Finger oder die Zunge.
Wir wollen keine glitzernde Mechanik, die uns an die Zeit erinnert, höchstens Klappen und Saiten, die sie uns vergessen lassen.

Also: Bösendorfer wurde abgelöst vom Jugendtraum meines Vaters: einen Steinway zu spielen, zu ehren und zu lieben, bis dass der Tod sie scheide.

Der Klavierstimmer meines Vaters, der auch Restaurator ist, rief eines Tages an und verkündete die frohe Botschaft: ein Flügel wäre in seiner Werkstatt, der eine perfekte Kompatibilität zum Profil meines Vaters aufwies.

Es begann das „Jahr des Klaviers“.

Vater, Bruder und Pianomann befilzten und hämmern, bespannten und gewichteten 12 Monate lang.
Ich war recht teilnahmslos, meine Mutter eifersüchtig.

Es kam der ersehnte Tag; der große Schwarze war spielbereit und wurde über einige Umwege ins Wohnzimmer befördert, wo ein Haufen Leute seine Ankunft mit mehr oder weniger Hochprozentigem begoss. Und er steht da heute noch, wie das schellackglänzende Herz des Hauses.

Ich war einigermaßen beunruhigt, meinen armen Bösendorfer gehen zu sehen (er kam zu einer Gastfamilie).

Aber: Steinway hat mich vom ersten Ton an eingewickelt.

Wohlgemerkt, das Klavier war nie mein Hauptinstrument. Ich spiele mühsam aber gerne.

Meine Hauptfrustration mit diesem Instrument war immer, dass es wie ein Nachzügler zu weit von seinen Geschwistern entfernt ist, um mithalten zu können.

Wenn ich die Finger auf die Tasten lege, ist es wie fremdsprachig stammeln: ich weiß genau, was ich sagen will aber die Mittel fehlen.

Dennoch: ich liebe den Spaziergang auf schwarzweißen Wegen.

Und ich liebe Klangfarben:

eben jenen Unterschied zwischen einem Ton, der so macht:

ooOOOoo

und einem, der so macht:

“\../“

Und ich kann verstehen, dass man alles haben möchte.

Wie man sehr schön in Sekunde 30 dieses Trailers sehen kann:


Übrigens ist der Film ein tolles Geschenk für Pianomaniacs.

Denn das ist ein Instrument: Sprachrohr und Übersetzer für alle Nuancen des Lebens, für alle Farbenpracht und jede Abstufung von Empfinden, das je ein Menschenherz durchwandert hat.

5 Antworten zu “Das glänzende Herz des Hauses

    • Flöte: 7.
      Klavier: ich glaube 12. bin mir nicht sicher, weil ich anfangs autodidaktisch und heimlich geklimpert habe wenn keiner zuhause war. wollte nicht gehört werden :)

      • :-) kann ich verstehen.
        ich hätte gern auch ein instrument gelernt als kind, aber irgendwie war meine kindheit instrumentenlos, bis auf die triangel im kinderchor. :-)

        liebe grüße ins wochenende!

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