Mich erfolgreich selbst langweilen (Eine kleine Seifenoper)


„Was ist los, Lunge, warum ist die Welt auf einmal so schwer geworden?“

Es war nicht auf einmal.
Irgendwo, zwischendrin in den letzten Jahren, hab ich glaub ich Angst bekommen, dass ich da nicht heil rauskomme. Ironisch. Ich könnte jetzt so einen Blödsinn mit Herz und Narben schreiben, und es sogar ernst meinen, aber ich lass es mal.

Mögt Ihr trotzdem noch ein bisschen mitlesen?

Süß und bitter wechseln nicht mehr ab, sie liegen mir gleichzeitig auf der Zunge. Manchmal so eng, dass sie zum Einundselben werden. Das ist Menschsein, oder? Dauert das noch lange?

Ich habe eine (echte!) Narbe quer über den Hals, die ich sehr liebe. Ich habe sie seit mehr als 10 Jahren, aber erst seit kurzem interessiere ich mich wieder für die ursprüngliche Krankheit, die zur Narben führte.

Ich stehe also im Bad und öle die Narbe. Und denke daran, dass es noch einen großen Schnitt gibt, er geht quer durch. Ich sehe in meiner Biografie eine scharfe Linie, ein Davor und ein Danach, von nicht viel mehr getrennt als 2, 3 Wochen.

Es war eine Sturzgeburt, dieser Schnitt. Und obwohl sich Gebärende sowas wahrscheinlich wünschen, merke ich, dass ich als Sturzgeborene ein bisschen ins Rudern geraten bin.

Ich bin viel zu schnell in Erkenntnisse gepurzelt, die ich am Besten mit den „schrecklichen Geschenken“ einer Krise umschreiben will. Die Lily davor hatte mehr Konzepte, akutere Schmerzen und war weniger aufgehoben.

Die Frau nach dem Schnitt erhielt einen eingebauten Vergänglichkeitsradar und eine Wünschelrute. Sie findet Quellen im Verborgenen. Sie hat eine Vorliebe für Stilleben des 17. Jahrhunderts und packt das Leben genauso an, als wäre es wie die zarten Blumen darauf. Sie will nichts kaputt machen vor seiner Zeit und ist vielleicht genau deshalb eine ebenso tiefsinnige wie anstrengende Langweilerin.

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Der totale Adrenalinkick - eine Rose von Pierre-Joseph Redouté

Alles ist Spiel. Ich betrachte Farben, die verlaufen und Menschen, die kommen und gehen. Dummerweise habe ich vergessen, wie das mit der Selbstvergessenheit funktioniert, die das herzhafte Mitspielen erlaubt.

Ehrgeiz und Fortpflanzungstrieb sind Eigenschaften, die ich zur Zeit bewundere. Es muss sich gut anfühlen, das Leben derartig ernst zu nehmen, dass Mitmachen zur Motivation wird – wahrscheinlich nehme ich MICH zu ernst dazu. Ich gehe lieber ins Leben, als wäre es ein Museum.

Mir ist egal, ob es überhaupt möglich ist, am Rande zu stehen. Es fühlt sich einfach so an. Buhu. Ja, ich bin arm.

Und um der Selbstbemitleidung noch eins draufzusetzen – denn ich kann das! – möchte ich anfügen: ich weiß, dass ich nicht nicht mitmachen kann. Also tu und bin ich mein Bestmögliches. Toll bin ich.

Aber im Ernst (weil es nämlich schon weh tut): es wäre schön, mal auf der Erde zu landen. Ich schätze mal, das ist mit dem Himmel auf Erden gemeint. Ein Zuhause im Vergänglichen zu finden. Sich hier wohl zu fühlen. Verdammt!

Ich habe vielleicht gelernt, mir meine Sicherheiten selbst zu schaffen, mir Gutes zu tun. Mein Körper spiegelt es mir wieder, denn mein Immunsystem ist zu einer unbezwingbaren Bestie geworden, die mich manchmal selbst erschreckt.

Aber die Welt da draußen traue ich mich nicht zu halten. Ich lebe im permanenten Loslass-Modus äußerer Umstände; wie ein glänzendes Entengefieder, an dem der Regen abperlt. „Alles vergeht“ – ist kein Trost mehr, sondern ein lästiger Kaugummi an meiner Sohle.

Also, Freunde und Mitbesucher des MitmachMuseums Erde: was mögt Ihr hier? Was hält Euch hier? Wo greift Ihr zu und was ist das: Zuhause?

Dieser Blob freut sich über Antworten.

8 Antworten zu “Mich erfolgreich selbst langweilen (Eine kleine Seifenoper)

    • Geschichtensammeln … mag ich! Danke!

      Da muss ich noch eine Frage nachwerfen. Was sind das für Geschichten, die die Welt für dich zum Zuhause machen? Gibt’s einen gemeinsamen Nenner?

  1. Hallo Lily,

    kürzlich las ich in einem Magazin, dass der Mensch im Wesentlichen danach strebt, gemocht / (geliebt) und anerkannt zu sein. Und ich glaube, das stimmt. Und deshalb ist Mensch traurig, wenn keiner da ist. Verständlich. Irgendwo in der Bibel steht: Der Mensch ist nicht dazu gemacht, allein zu sein (leben). Muss er es, ist er es (unfreiwilig) verursacht es Schmerz. Gemeinsam macht eben vieles mehr Spaß; Dinge zu teilen (im eigentlichen und übertragenen Sinne) und es ist gar nicht so einfach, die „richtigen“ Menschen zu finden. War das jetzt noch zum Thema? Ja, oder?

    Liebe Grüße
    apfelesserin

  2. Schön geschrieben. Mich hält hier der Glaube, dass ich noch einige Schritte machen kann, um mich ganz zu machen, bevor ich den Löffel abgebe. Und wenn ich ihn beim Versuch um ganz zu machen abgebe, dann soll es so sein. Ich will noch ein paar Herzen öffnen, ein paar Weltbilder durchrütteln helfen mit meiner Geschichte. Und vor allem will ich noch ganz viel Zeit mit meiner Auserwählten verbringen, denn auch wenn ich glaube, dass da immer eine Verbindung sein wird, hat doch Kontakt im menschlichen Dasein besonders schöne Seiten :). Mehr von solchen Posts – auf bald!

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