Der Schrank


image

Ich könnte daran denken, dass sie Ärztin war und mich durch eine Lungenentzündung gepflegt hat.

Ich könnte sie mir auf einer ihren vielen Reisen vorstellen, nach Indien oder Südamerika, furchtlos, neugierig. Oder ganz einfach bei einem Abstecher nach Italien im alten weißen VW-Käfer.

Ich könnte mich daran erinnern, dass sie mein zukünftiges Spiegelbild war. Dass ich ihr surreal dichtes Haar geerbt habe und – wenn ich auf eine Bühne trete – mich aufrecht halte wie sie.

Stattdessen denke ich an den Schrank.

image

Ich würde mich vielleicht daran erinnern, dass es mir nie richtig gelungen ist, sie zu kennen. Was hinter den Geschichten, dem Wissen, der Großzügigkeit in ihr vorging, das weiß ich alles nicht. Warum sie der Kirche den Rücken gekehrt hat und doch auf jeder Reise die Kirchen und Tempel besuchte, das weiß ich nicht.

Ich könnte noch ihren verschlossenen Stolz hören, mit dem sie bis zuletzt die Heldin spielte und leugnete, dass sie litt und Angst hatte.

Ich könnte weiterrätseln, was 1958 bei der Scheidung geschah, als sie dem Tierarzt lebewohl sagte, um nie wieder einen Mann anzurühren.

Aber daran denke ich nicht. Ich denke stattdessen an den Schrank.

image

In meiner Erinnerung steht er in einer winzigen Ferienwohnung an einem See. Es gibt zwei Betttürme: jeweils 3 Betten übereinander gestapelt in einem Schlafwohnesszimmer.
Eingeklemmt zwischen einem solchen Bettturm und der Sitzbank ist der Schrank.

Man öffnet ihn gegen den holzig-rauen Widerstand des Rahmens. Man hält dabei den Messingschlüssel leicht nach rechts gedreht. Der Bart des Schlüssels zieht am Schloss – kchchchch… –  Dieses Geräusch allein verspricht Urlaub. Viel davon.

Währenddessen gibt es ein leises Klirren von den Käse- und Kuchennetzen, die in der Tür aufgehängt sind. Sie werden nie benutzt; hier sind Esser schneller als Fliegen.

Man öffnet also den Schrank und stellt das rechte Bein an die Tür, um sie am Zufallen zu hindern.

Man riecht den Schrank. Es riecht frisch. Es riecht süß. Es riecht nach dem Besten, das „Alt“ zu bieten hat. Wie ein durchgeschrubbtes vergangenes Jahrhundert, minus den Rüschen und Ohnmachtsanfällen.

Man sieht das blasse grüne Muster verteilt im Innenraum: kleine  Blumenumrisse auf einem altweißen Grund. Die Papiertapete bekleidet alles, die Wände, den Boden, die Regale.

Wenn man nur einen Meter vierzig hoch ist, hat man Geschirr vor der Nase.

Darunter liegt die Bettwäsche. Duftend und weich. Die beste Bettwäsche, um genau zu sein, denn sie behütet den heiligen Schlaf der Urlauber. Diese Bettwäsche ist rot-weiß oder blau-weiß kariert und vermittelt den Charme einer abgelegenen Schihütte, irgendwo am Arsch der Alpen lange vor der Erfindung von Schneekanonen und Après-Ski.

Mit diesen kühlenden Assoziationen erfrischt die Bettwäsche sommerliche Nächte.

Man nimmt endlich die Nase aus der Wäsche und richtet sich wieder in seiner vollen (1m40) Länge auf.

Aufdecken.

Alles hat seinen Platz in diesem Schrank, aber „der Platz“ des einen Dings ist dummerweise häufig in oder auf „dem Platz“ eines anderen Dings und dadurch wird die beabsichtigte Entnahme eines Gegenstandes aus diesem Schrank zu einer langwierigen Stapelaktion.

Langwierig ja, langweilig nein. Denn jedes Ding hat eine Patina.

Man ist zum Beispiel fasziniert von kleinen Süßstoffglasdosenzangen aus Silber, die so lieb aussehen, während Süßstoff ekelhaft ist. Dann bestaunt man Bilder von Regensburg auf Souvenirsalzstreuern. Man sieht Wappen und Häuser und fragt sich, ob es dort viel regnet, obwohl man gehört hat, dass der Name von den Königen kommt. Mit den Fingern.auf den Bildern stellt man sich.Regina, Königin von Regensburg vor, die so winzig klein ist wie ein Salzkorn.

Dann endlich entnimmt man kleine gläserne Teller und Porzellanschüsseln für den Salat und die Servietten, rutscht mit dem rechten Bein zurück, dreht sich, lässt die Tür zufallen, drückt sie mit der linken Hüfte wieder zu, während der Schlüssel wie immer zu Boden fällt, hört wieder das holzige Kratzen der Tür gegen den Schrankkörper, stellt alles auf den Tisch, hebt den Schlüssel auf und rammt ihn ins Schloss.

Dann sagt man: „Oma, wann essen wir?“

~*~

Es gibt den Schrank nicht mehr, die Ferienwohnung nicht, die Oma nicht.

Ich habe ihr Lachen vergessen, ich kann mich noch dunkel an ihre Berührung erinnern. Ich habe vergessen, wie sie Geschichten vorlas und wie ihr Haar roch. Ihre Stimme ist vergessen, ihr Mund, ihre Augen.

Aber der Schrank, der ist geblieben. Mein Hirn ist so unromantisch.

~*~

Ich komme aus der Sauna. Ich wuchte mich auf eine Liege und warte auf den Kreislauf-Flash.
Der, wo ich irgendwo im Weltall herumwabere und sich Planeten drehen und ich gerne kichern würde, doch leider zu entspannt dazu bin.

Mein Hirn hat anscheinend mein Beschwerdeschreiben bezüglich der Unromantik erhalten. Mitten in meinem schwurbelnden Aprè-Sauna-Flash erzeugt es plötzlich erstaunlich reale Bilder. Es präsentiert mir: den Schrank.

Neben mir sitzt der Fuchs, das Plüsch-Totem meiner Oma, und winkt mich durch.

Ich also unterwegs durch den Schrank. Ich lande bei Oma. An diesem Punkt revidiere ich meine Meinung über mein Hirn. Es weiß mich zu unterhalten, das alte Teil!

Saunieren wäre bestimmt illegal, wenn es auf alle Menschen so wirkte, denke ich kurz und konzentriere mich dann auf die Großmutter.

Sie zeigt mir ein kleines Mädchen, das singt und Geschichten erzählt. Ein Kind in roten Lederstiefelchen, mit einer Lammfellweste und einer riesigen Brille verkehrt auf der Nase. Das Herz am rechten Fleck, lachend.

Dann zeigt sie mir das Kind, das hadert und sich verbiegt. Das Kind, das seine Spiele vergisst und alles, was wirklich zählt. Ich sehe, dass sie wütend wird. Jetzt ergibt es einen Sinn, dass sie mir damals keine dunkle Kleidung kaufen wollte. Dass sie ungeduldig und ruppig wurde, als ich anfing, mein Aussehen zu bekritteln und hungern zu wollen. Es tat ihr weh, denn sie kannte mich besser.

„Lass dich nicht ablenken. Hör nicht auf. Sei du.“ Das wollte sie doch sagen?

Ich habe sie nicht wirklich gekannt, aber andererseits … habe ich auch mich noch nie so erkannt, wie durch Omas Augen. Ich bin erstaunt darüber, was sie sehen.

Omas Augen, Omas Augen im Schrank…

Oh, bitte entschuldigen Sie mich. Ich muss meine Medikamente nehmen gehen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s