Yoga der Sexualität ::: Teil 4 ::: Hallo!Ich!Hier!


Prolog – Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Epilog

„Und was ist jetzt mit mir?“

Ich erinnere mich an die Geschichte eines Mannes, der plötzlich Erektionsprobleme bekam. Wie er später erkannte, war das einfach nur ein Zeichen seines Körpers, dass die Art, wie er Sex und Beziehungen anging, nicht mehr richtig für ihn war. Zunächst aber spielte er die ganze Bandbreite des Haderns rauf und runter: er haderte gehörig mit sich, verteufelte seinen Körper, fühlte sich als Versager. Irgendwann drehte er den Spieß um und wimmelte lange alles nur annähernd Sexuelle ab, bastelte sich ein neues Selbstbild als wählerischer „Mr. Unerreichbar“. Er dachte, er würde für sich einstehen.

Dann dämmerte ihm allmählich, dass er schlicht nicht das Rückgrat gehabt hatte, auf die Signale seines Körpers zu achten und sich selber ernst zu nehmen. Er begann – Achtung, Wortspiel – sein Problem ein wenig anders in die Hand zu nehmen. Die Frage: „Was ist mit MIR?“ wurde zu seiner Erinnerung daran, keine Angst zu haben, sein Erleben zu ergründen, auch wenn’s ihn gelegentlich überraschte.

Die dritte Ebene der menschlichen Entwicklung ist der Wächter dieser Frage: „Was ist mit MIR?“
Sie erwacht mit aller Kraft, wenn Machtkämpfe und Behauptungsmechanismen müde und mürb gemacht haben.

Es ist durchaus nicht überraschend, wenn ein Partner nach langem sadistischem Hin- und Her plötzlich für sich einsteht; laut und deutlich verkündet: „So nicht. Nicht mit mir. Ich mache nicht mehr mit.

Der Schlüssel in diesem Bereich ist Selbstachtung.

Wir beschäftigen uns auf dieser Ebene ausschließlich mit uns, unserem Ehrgefühl, Körpergefühl, unseren Bedürfnissen.

„Ehrgefühl“ ist ein kniffliger Begriiff, also möchte ich ihn hier als „das Beste in uns“ definieren, das ermöglicht, den richtigen und den einfachen Weg klar auseinanderhalten zu können. Also durchaus keine anerlernte Moral, sondern ein persönliches Wissen und Ge-Wissen.

Manchmal erwache ich mit dem „Zorn der Erniedrigten“, gehe auf die Barrikaden und reiße alles nieder, was ich vormals noch wie ein Mucksmäuschen über mich ergehen ließ. Das ganze Vorgehen ähnelt dem eines randalierenden Teenagers. Ich weiß: ich bin auf der dritten Stufe angelangt – der „und jetzt ICH“-Ebene.

Und jetzt ich – im Bett

Was wir als ein persönliches sexuelles Problem einstufen, nehmen wir als selbstverständliches Indiz dafür, dass in der Beziehung zum/zur Anderen Etwas geschieht, das verändert werden soll. Es ist aber genauso ein Indiz dafür, dass wir in Beziehung zu uns selbst genauer zuhören sollen.

Blöd nur, dass sexuelle Probleme als Defekt des Menschen gesehen werden, oder als Defekt des Körpers. Auf der dritten Ebene von Beziehung geht es auch darum, einen Umgang mit dem eigenen Körper zu entwickeln, der dessen Signale wertfrei verarbeiten kann.

Die Erfolge, die zum Beispiel jene Schmerztherapien erzielen, die auf ein „Erkunden“ statt „Ausmerzen“ des Schmerzes abzielen, sind vielleicht dadurch zu erklären: sie lehren, den Schmerz nicht als Spinnerei des Körpers abzutun, sich aber auch nicht darin zu verfangen und eine dramatische Geschichte draus zu schreiben.
Es geht schlicht und ergreifend darum, eine Erfahrung nicht mit der eigenen Existenz zu verwechseln. Erfahrungen sind dann ein guter Wegweiser zu dem, was wir sind.

Sexualität auf dieser Ebene bedeutet – in meinen Worten – auf welche Weise wir mit unserem eigenen Wesen in Beziehung treten. Wie lebendig, innig und stabil erleben wir diese Beziehung?

Vertrackt

Komplizierte (Liebes-)Beziehungen führen gradewegs hinein. Meist tun sie es, indem sie uns zwingen, für uns selbst einzustehen. Aber im Grunde gibt es keine Form von Beziehung, die zu uns selbst eingeschlossen, in der es nicht immer wieder gilt, im Angesicht von Druck und Ängsten das Beste in uns hochzuhalten.

„Für uns einzustehen“ bedeutet nichts anderes, als unseren Instinkten zu vertrauen und mit Sicherheit zu wissen, dass wir ihnen folgen werden – komme wer oder was wolle. Wir achten uns und wissen, dass wir uns nicht zum Opfer machen lassen, auch wenn wir dafür durch eine Wüste gehen müssen.
Diese Selbstachtung ist ein lebendiges, täglich verfeinertes Kunstwerk.

Menschen, deren Selbstachtung wenig ausgeprägt ist, halten sich mitunter von Beziehungen fern – gerne auch innerhalb einer Beziehung. Die große Abgrenzung, die sie erleben und ausstrahlen, kann sich als Selbstständigkeit verkleiden. Im Grunde befürchten sie, bei zu großer Annäherung einem potentiellen Angriff auf die eigene Wahrheit (und davon halten Beziehungen genügend bereit), nicht standhalten zu können. Sie befürchten, zu faulen Kompromissen genötigt zu werden, um unterschiedliche Bedürfnisse und Wahrheiten unter einen Hut zu bringen. Dann gehen sie lieber auf die Barrikaden und verteidigen sich.

Damit unterscheiden sie sich im Grunde wenig von denen, die faule Kompromisse studiert haben, sie vielleicht sogar hauptberuflich praktizieren. Diese zweite Sorte schlägt und missachtet sich für die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse. Sie lässt, als Ausdruck der Selbstverachtung, bereitwillig auf sich eintreten – verbal, physisch, emotional.

Was vielleicht ersichtlich wird, ist, dass es diese zwei Sorten Mensch eigentlich nicht gibt.
Während die Selbstzerstörer ihr „Versagen“ als Rechtfertigung für Quälereien aller Art hinnehmen, wehren sich die Barrikadengeher vehement gegen alle Angriffe auf den eigenen Selbstwert.
Gemeinsam ist ihren Strategien die zugrundeliegende Empfindung der Wertlosigkeit.

Selten wird der Mensch ein Leben lang nur eine Taktik zum Umgang mit Machtlosigkeit und Wertlosigkeit ausprobieren; die meisten von uns sind da wohl eher wie Pendler mit bevorzugten Aufenthaltsorten.

Während der Mann aus meiner Geschichte zum Typus „Verbarrikadierer“ tendierte, bin ich z.B. eher dem Rudel der „Selbstquäler“ zugehörig. Mein Rudel-Totem ist die Versuchung, alle Schuld auf mich zu laden und, zum Beispiel, eine unbequeme Erkenntnis mit Selbstzweifeln zu übertünchen.

Eigentlich ist das nun doch Abkapselung! Mein wirkliches Ich befindet sich in so einem Moment in der empfangslosen Zone; ist nicht erreichbar.

Der Unterschied zwischen mir und dem Verbarrikadierer liegt nur darin, ob wir ins faulige Kompromisslager über-, oder davonlaufen.

Warum ist es so schwer?

Eine Frage, die mich beschäftigt:
Warum trauen wir Menschen uns selbst nicht über den Weg?

Ich erlebe es an mir, ich erlebe es an meinen Freunden, Bekannten, Schülern:
die Furcht vor uns führt dazu, dass die grundlegendsten Regungen und Warnsignale unseres Innenlebens einfach abgewürgt werden.

„Ich kann nicht zulassen, dass ich krank werde.“
„Ich darf auf keinen Fall zulassen, dass ich eigentlich kündigen will.“
„Ich kann nicht zulassen, zu bemerken, dass mir dieser Mensch nicht gut tut.“

Oder auch andersrum, wenn es sich um Signale handelt, die wunderbares Herzklopfen auslösen:
„Ich will nicht bemerken, wie gerne ich diesem Traum doch folgen würde. – Das Geld, die Kinder, die Krise, die SICHERHEIT…“

Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass Menschen mit ihren Signalen wie mit lästigen Kindern umgehen, deren Wortmeldungen sie als unwichtig erachten. Unvernünftig, unpraktisch, un- … Undsoweiter.

Gut möglich, dass die eigentliche Befürchtung ist, dass diese „Kinderstimme“ die Macht hätte, das eigene Leben bis zur Unkenntlichkeit umzukrempeln.

Sobald wir uns selbst deutlich hören, ist das Versteckspiel vorüber. Jetzt, da wir wissen, wie es uns geht, können wir uns nur noch für oder gegen uns entscheiden. Der Moment persönlicher Erkenntnis ist irreversibel. Unbequem. Er drängt zum selbstbestimmten Handeln, zum selbstbestimmten Sein.

Der Spaß, die Wildheit und Wärme beginnen bei mir. Ich liebe die Kunst dieses Seiltanzes, manchmal macht es mich wahnsinnig: mich von Anderen auf mich und wieder auf Andere besinnen, wie ein perpetuum mobile. Die Kunst, durch die das große Fragezeichen „Selbstliebe“ langsam zu einer Antwort wird.

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