Das Baby


(Letzte Woche hab ich versprochen, darüber zu schreiben. Bleiben nur noch: die Schüler. Und die Zigaretten.)

Es erwischt mich frontal, als ich durch die Tür komme: ein Gefühl, wie in Watte gepackt, freundlich und warm.

Ich bin ungeschickt und aufgeregt; ich weiß nicht, ob ich gelegen komme oder den beiden besser ein paar Stunden Schlaf gönnen sollte. Ich hoffe einfach, dass sie wissen, was sie wollen und es mir sagen.

Es ist in Ordnung. Ich werde, wacklig wie ich bin, ins Wohnzimmer gelotst, zur Quelle des Wattegefühls. Er sitzt da, seine erste Tochter auf dem Bauch, Decken darüber, Buch in der Hand, Tee auf dem Tisch. Seine neue Haut sitzt. Kein Kostüm, echtes Sein. Ein neuer Vater.

Meine Freunde wirken, als würden sie mit der größten Gelassenheit antikes Porzellan jonglieren. Naturtalente – ich hab ein Auge für Talent.

Wir sitzen gemeinsam auf dem Sofa. Sie erzählt mir, dass es im Grunde so einfach war und von der Natur in einer Eleganz und Logik geregelt ist, der man sich wohl vertrauensvoll ergeben kann.
Ich sehe sie, nüchtern und auch froh, an einem Ort, an den ich ihr nicht folgen kann.

Meine älteste Freundin, die mit mir auf Tischen getanzt und auf die Strasse gepinkelt hat, die mir böse war und ich ihr, die mir wieder vertraute und ich ihr. Und jetzt ist sie Mutter. Wir staunen.

Ich bin ein friedlicher Satellit. Kreise behutsam um diesen langsamen, warmen Planeten: ein winzigweiches Kind, gehalten von vier Armen, Kontinente aus dumpfem Herzschlag, Duft, Flaum.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, aus dieser Höhe zu ahnen, was auf dem Planeten vor sich geht? Ich weiß es nicht. Aber die Geburt eines Sonnensystems erscheint mir auf einmal nicht mehr so abstrakt.

Ich bekomme das Baby in den Arm und wir sind kurz allein.

„Wenn du jetzt anfängst zu weinen, muss ich auch“, sage ich zum Baby. „Ich will nicht, dass du vor mir erschrickst.“

Das Baby ist sehr kooperativ und bleibt entspannt und müde. Ich entschuldige mich und mache das, was man immer tun muss, wenn niemand hinsieht: angreifen. (Babies haben einiges mit Museen gemeinsam.)

Niemand ist in der Nähe, also hört auch niemand den Knacks in meinem Brustkorb. Es sind weniger die Muttergefühle, als die Kinder-Instinkte, die da erwachen. Mit dem Baby verfalle ich in eine Erinnerung, die aus Haut und Hitze besteht. Aus Wohlgefühl und Irritation. Aus Druckwellen, Schallwellen, Lichtwellen.

Die Muttergefühle, die kommen erst beim zweiten Hinsehen.

„Achtung“, sagt die Freundin. „Die Hormone überfallen dich hinterrücks.“ Für unsere Akademikerhirne ist das alles sehr abenteuerlich, beinahe unerhört.

Ich halte also zum zweiten Mal das erste Baby, das mir wahlfamilienmäßig am nächsten steht. Für einen äußerst kurzen Augenblick ergibt das Konzept von „Kamel durch Nadelöhr pressen“ irgendwie Sinn. Das würde ich aber nie zugeben. Dieser äußerst kurze Augenblick ist nämlich lang genug, um von mir bemerkt zu werden.
Es ist der Augenblick, in dem ich es bemerke: Ich sage noch immer nicht Ja. Aber ich würde nicht mehr Nein sagen, zu so einem Kind.

Das lasse ich jetzt einfach sacken, ganz egal wie es Andere sehen. Die, die sich Kinder wünschen. Die, die welche haben. Und die, die daraus ein Politikum machen.

Mir darf es genügen, dazusitzen und sacken zu lassen, dass da jemand Neues vom Himmel gefallen ist. Und dass ich neugierig bin und dass wir uns mögen.

Viele Augen sehe ich in letzter Zeit, die staunen: Wo bin ich und wer bist du?

Ich weiß nicht, wo wir sind. Aber ich weiß, was zählt.

5 Antworten zu “Das Baby

  1. Das „Baby halten“ habe ich lange hinter mir, inzwischen sind da drei Teenager. Aber jüngst hatte ich seit langem mal wieder das Baby einer Anderen im Arm. Und da kam mir der Gedanke, dass das Kinderkriegen hinter mir zu haben, ähnliche Gefühle hervorrufen kann wie das Kinderkriegen vor mir zu haben: „Jaaa! Sehr schön. Aber Sehnsucht geht anders!“

  2. Hm. Sehnsucht nach Babies fühlt sich anders an. Heißt: Es kann schön sein, ein Baby auf dem Arm zu haben, aber der Wunsch, selbst eines zu bekommen, geht nicht zwangsläufig einher mit diesem Wohlgefühl.

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