Halbschlaf (leicht selbstmitleidig)


Vielleicht ist das in Wirklichkeit die einzige Form der Eifersucht: die auf mich selbst. Auf eine Version meiner selbst, die – wenn sie an meiner Stelle lebte – alles hätte, was ich begehre.

Meine Traumwelt ist überbordend. Der Mann an meiner Seite hat mich, mit der Effizienz und Eleganz, die Beziehungen mit sich bringen, über eine Kante gestupst. Jetzt, auf der anderen Seite, verschwimmen Grenzen zwischen den Jahren, wird Bedeutungsloses beängstigend groß und klitzekleine Erinnerungssplitter öffnen Türen zu verborgenen Schaltzentralen.

Ich sehe vor mir immer wieder eine wunderschöne Frau, deren Anblick mich restlos entmutigt.

Ich habe alles abgeklappert. Sie ist niemand, den ich da draußen kenne. Als ich endlich genauer hinsehe, stelle ich fest, dass sie ich ist.

Natürlich.

Aber ich – als betrachtendes Ich – stecke in einer anderen Haut.

Ein kleines Mädchen, das außer sich ist vor Ohnmacht. Da steht die Schöne, ihr ganzes Wesen von einer anziehenden Wärme, die Alles und Jeden umfasst und willkommen heißt. Wonach ich mich verzehre, fliegt ihr zu – sie genießt, sie teilt.

Das Schlimmste ist wohl zu wissen, dass ‚ich‘ unreif bin. Ich bin Kind und weiß um meine kindische Einstellung. Ich begreife, wie sehr mich MEIN Verhalten ausschließt. Ich sehe an mir herunter und fühle mich fehl am Platz. Ich wuchte Aktenordner, Bankkonten, ich versuche, selbstständig zu sein (Ironie!) – aber es macht mich nicht erwachsener, es verwandelt mich nicht in sie..

Es hat noch nicht einmal einen Einfluss auf sie, die einfach leuchtet und glücklich ist und immer war.

Ich habe von Wunderkindern geträumt, schon lange – Kinder, die mir aus dem Leib fielen, die ich vergass und dann in anderen Räumen wiederfand, wo sie sich selbst in aller Seelenruhe das Sprechen und Gehen beibrachten, sich ernährten und beschäftigten, ohne viel größer zu sein als winzige Puppen.

Und mit Entsetzen stelle ich fest, dass ich selbst so ein Kind bin. Ich bin beschämt über meine eigene Kindlichkeit und dass es bestimmt für alle sichtbar war, nur mich nicht.

Ich habe mich gefragt, was diese ganzen Freaks wohl als ‚Inneres Kind‘ bezeichnen und warum ich es nicht wirklich fühle.

Jetzt verstehe ich. Ich habe als Kind nach dem Kind gefragt. Als Kind, das ein Unternehmen führt, plant und koordiniert, und versucht, sich selbst zu ernähren. Als Kind, das eigentlich Hilfe bräuchte und keine sieht oder will.

Radfahren. Die Stützräder müssen ja irgendwann mal weg. Also warum nicht gleich ganz ohne? So montiert es die Stütze ab, bevor es überhaupt aufgestiegen ist. Mit selbstgehässiger Verbissenheit lernt es radeln, statt einfach auf die Nase zu fallen und zuzugeben, dass es noch nicht so weit ist. Denn irgendwie geht es ja. Aber ankommen tut es nicht, im Erwachsenenglück.

Früher hat es jede Form von Essen an sich und in sich gerafft. Dieses Kind hat geraucht wie ein Schlot. Dieses Kind schrie wie am Spieß, wenn man ihm entriss, was es sich einverleiben konnte. Dieses Kind liest Bücher über Liebe & blickt hinüber zur Schönen, die das lebt, wovon das Kind nur lesen kann.

Es giert nicht mehr. Es raucht nicht mehr. Es hat plötzlich keine Lust mehr, die Bücher zu verwalten. Es fällt auf die Nase. Es weiß nicht, ob es sagen kann, was es sich wirklich wünscht. Stattdessen steht es ganz ruhig und erinnert sich an einen weißen Raum, in dem es vorher war. Ein weißer Raum, in dem noch weniger als nichts geschah und das Kind gehalten war bis in die Unendlichkeit. Dort, wo einfach nichts passierte, kein Hauch, keine Bewegung. Nur Arme, für immer.

Diese schöne Frau, die Frau voller Wärme, ist alles, was es außerdem noch wahrnimmt. Aber sie gibt ihm kein Zeichen und das Kind kann nicht gehen. Wohin mit dem Neid?

Denn die Frau ist groß genug für das gute Leben. Für Rotwein und Küsse und volle Teller und Freunde und ein offenes Haus. Für einen Gefährten und Flügel und Wurzeln und Blüten und all das. Sie hat sich selbst und deshalb alles. Das Kind hat sich selbst und findet drin nichts.

Spielen und Lachen? Das ist ihm zu wenig. Es will groß sein, es will das, was die Großen haben und bekommt es nicht.

Wie töricht ich bin, denkt es, und gibt den Ordnern einen Tritt. Kind sein und vom Überleben mehr verstehen als vom Leben.

Schachmatt.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s