Flora. (Existenz träumt sich ins Leben)


Redouté Rose

Manchmal sehen Menschen mein zukünftiges Selbst, lange bevor ich es erkennen kann.

Vor fast zwei Jahren bekam ich Redoutés Klassiker Die Rosen zum Geburtstag geschenkt. Ich hielt das für einen seltsamen Einfall. 170 Rosenaquarelle? 170 Arten mich daran zu erinnern, dass ich einen schwarzen Daumen habe?

Die Zeit verging.

Ich verbrachte einen Herbst und Winter damit, mir einen Weg für meine berufliche Zukunft zu erträumen. Es war eine verbockte  Situation. Ich fühlte mich zu jung für das Eine, zu alt für das Andere.

Dann kam ein 4. Oktober. Ich hatte Yoga gemacht. Es war ungewöhnlich still. Eine mühelose, spontane Meditation entfaltete sich. Ich war ganz zufrieden, gemeinsam mit den Teppichfasern, den Zehennägeln, dem Baum vorm Fenster.

Ich ging in Kontemplation. Ich liebe es, in meinem Inneren nach Türen zu suchen, die seltsame Aufschriften tragen. „Humor“. „Kränkung“. „Bullshit.“ Dann gehe ich hinein und lasse meine Seele sprechen.

Stille ist ein wahnsinnig aufregendes Gewebe.

An diesem Tag war am Ende des Ganges eine schlichte Holztür: „Gott ist hier – Gott liebt Dich.“ (Habe ich angemerkt, dass ich voll die christliche Yogini bin? Ich bin selbst manchmal erschrocken darüber, mit welcher Vehemenz mein Herz sich in dieser Tradition aalt – ich, die in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem „Christentum“ out  und für alles Übel unserer Zivilisation verantwortlich war. Ein klassischer Fall von: „whoops!“)

Also. Hinein durch die Tür. Es ist hell und freundlich, und „Etwas“ ist da.

Und dann sehe ich sie. Die Rose. Eine überirdisch üppige, weiße Centifolia. Es ist die Art von schlichter Schönheit, die mich schwindlig und knieweich macht. Mein Herz schüttet sich fast in ihre zarte, gläserne Vase.

Während mein Verstand draußen an die Tür hämmert: „Okay da drinnen, was geht ab? Du siehst eine Rose. In Deinem Kopf! Warum zieht es dir die Socken aus? Lass mich mal sehen. Hallo?!“

Ich halte die Tür geschlossen. Gott ist hier. Gott liebt mich. Und Gott riecht gut.

Meine Rose – sie ist majestätische Entfaltung. Nur ich kann sie sehen. Meine eigene Freude, wie sie in mich hineinblüht. Das genügt, es genügt.

Danach machte ich eine schöne Entdeckung: ich roch den Duft meiner Rose auch tagsüber. (Das ist der Moment, in dem es beruhigend ist, mindestens einen guten Seelenklempner im Adressbuch zu haben. Für den Fall der Fälle.) Ich beobachtete, was sie aufblühen ließ und wo sie verwelkte. Wo ich ihren Duft wahrnahm und wo sie ihn für sich behielt.

Es stellte sich also heraus, dass ich doch was mit Rosen am Hut hatte. Nach ein paar Tagen war mir klar, dass sie mein beruflicher Wegweiser war.

Als ich mein Unternehmen eröffnete, dann vor allem, weil es das Szenario war, in dem meine Rose mit dem Aufblühen kaum nachkam. Ich wollte nicht mich selbst verwirklichen, zumindest nicht bewusst. Ich wollte diesem Bild in mir einen Platz geben. Ich wollte Rosenduft riechen – der Rest war mir ehrlich gesagt egal.

Solche Dinge schreibt man besser nicht in einen Businessplan. Aber in einen Blog kann man sie schreiben.

Businesspläne entwerfen ein Szenario dafür, wie die Dinge garantiert NICHT kommen werden. Träume, Visionen, Bilder, sind der Realität wesentlich näher. Und das ist keine verrückte Erkenntnis, es ist eine ernüchternde.

Die Zeit verging.

Die Rose blühte. Menschen kamen. Allianzen bildeten sich. Freude kam. Erfolg kam. Geld kam (und ging wieder).

Und dann stellte sich eine neue Richtungslosigkeit ein.

Ein halbes Jahr lang besuchten mich Träume davon, verstoßen zu werden. Brennende Wohnungen. Einstürzende Häuser. Ich, hochschwanger, von meinem Mann und seiner neuen Exfrau vertrieben – mit nichts als einem Paar viel zu greller Stöckelschuhe auf der Strasse, voller Scham. Im tobenden Meer, gerufen von Schildkröten und unfähig, endlich zu ersaufen, um zu ihnen zu gelangen. Papierstaus in meinem Büro – als ich hinblicke: ein Brand. Ich brenne. Ich brenne. Mein Bild auf dem Papier brennt aus.

Ich habe zuviel geträumt, um solche Dinge nicht ernst zu nehmen. Etwas braute sich zusammen. Und dann: explodierte das Leben. Zuerst innen. Dann außen. Dann gemeinsam.

Und nochmal von vorne.

Nein, kein Drama. Ich bin zu groß dafür. Mein Herz ist zu reif dafür.

Ich bewegte mich durch die Tage mit traumwandlerischer Sicherheit. Durch diese Tür. An diesem Biest vorbei. In den Winkel dort. Vielleicht zurück ins Bett? Und zwischendurch einfach dem Leben die ehrlichste Ansage liefern: „Aua. Aua, du tust mir weh.“

Ich spürte, dass ich ans Ende meiner yogischen Kräfte gelangte. Bis ich begriff, dass mich mein Leben ans Ende brachte, und das Yoga dorthin wo meine Kraft beginnt.

Manchmal will ich nicht auf die Matte. Etwas in mir weiß, dass ich mich dann fühlen werde. Und manchmal ist das das Letzte, was ich glaube, ertragen zu können.

Yoga stellt Verbindung her. Und in der Verbindung, im freien Strom, fließt auch wieder durchs Herz, wovon ich mich trennen wollte. Mein Widerstand, in enge Verbindungen mit anderen Menschen zu treten, zeigt mir, dass Beziehungen funktionieren: sie heilen, was aus der Verbindung gefallen ist. Ein Riss wächst zusammen und juckt dabei höllisch.

Ich kam wieder an die schlichte Holztür.

Ich habe die Tür gesucht, aber sie war mir verborgen. Schön, wieder hier zu sein.

Die Centifolia steht am Rande. Zufrieden und wohlgenährt duftet sie vor sich hin.

Zu meinen Füßen etwas ganz Neues: ein großer ovaler Blumentopf mit zwei Rosenstöcken. Es sind schlichte Blumen, Hundsrosen vielleicht. Die linke ist rot, die rechte weiß.

Es beruhigt mich, sie zu riechen. Eine ganz wundersame Harmonie geht von ihnen aus. Ich folge dem Duft.

Ich folge dem Duft. Er ist überall, in den Augen der Menschen. Ich suche den Gefährten, ich finde ihn in allen Augen. Menschen sind erstaunt, wenn ich so schaue. Ich schaue dorthin, wo unsere Wurzeln in der selben Erde sitzen. Ich schaue ganz hinunter, und ich lasse sie hinunter blicken. Die beste Medizin.

Also folge ich dem Duft. Wenn das Leben explodiert, ist das die einzige vernünftige Herangehensweise: dem weißen Hasen folgen. Den Spuren, den Zeichen. Und dabei eine Spur vorzugeben, mit dem Eisbrecher der wahren Sehnsucht.

Ab nächster Woche bin ich Hausbesitzerin. Es ist sehr aufregend. Explosionen schleudern Menschen an sehr seltsame Orte. Ich freunde mich an mit dem Gedanken, dass ich Platz haben werde, um eine Einladung zu sein.

Und dann werde ich schreiend im Kreis laufen und nicht wissen, wo ich beginnen soll.

Ich werde den Garten in Ruhe lassen, weil er so sicher am Besten gedeiht.

Ich werde mich schwach fühlen und dann werden Freunde kommen.

Ich werde mich einsam fühlen und mein Gefährte wird mich überraschen.

Ich werde eine Einladung sein und verweilen im Duft der Rosen, jeden Tag und jede Nacht.

Sex ist der Samen, Liebe ist die Blume, Mitgefühl ist der Duft.

Osho

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