Blicke


Ich stelle den Wasserkrug vom Fensterbrett zum Schreibtisch und denke über Würde nach. Unten auf der Straße steht ein Mann im Trenchcoat wie eine Statue neben der großen Pappel. Die Hände in den Manteltaschen, den Kopf leicht gehoben, als würde er etwas hinterherblicken, das grade in der Ferne verschwindet.

Ich denke daran, wie ich um fünf Uhr früh in den 11. Stock gehe, um den Sonnenaufgang zu sehen. Es hat sich so ergeben. Die Luft ist klar dort oben. Die Fenster können nur gekippt werden. Sicherheitsriegel verhindern das Öffnen. Ich sehe mir diese Schlösser an und komme dadurch erst auf den Gedanken, dass es Menschen gibt, die ein Fenster im Flur des 11. Stockwerks öffnen würden, um hinauszuspringen. Das ist sicherlich eine interessante Erfahrung, einmalig, aber ein wenig unausgeglichen im Kosten-Nutzen-Vergleich.

Nach diesem Ausflug lege ich mich zurück ins Bett und träume davon, im Weltall zu schweben. Der Blick auf den Erdball ist atemberaubend, trotzdem hab ich keine Lust auf das Theater da unten. Ich mach mal kurz Pause vom Menscheln. Ein Engel ist an meiner Seite. Die ganze weitere Nacht sortieren wir meine Inkarnation.

Ich koche Tee, schüttle mein Fell aus. Heute spiele ich Bällefangen. Leben spielt zu, ich spiele weiter. Telefonate, E-Mails, Vorbereitungen.

Das ist so seltsam dieses Jahr. Ich fühle mich wie unter Wasser, tief versunken, davongespült vom Leben da draußen. Aber das Leben da draußen kommt zu mir, schlägt mir allerhand neue Projekte und Arbeiten vor, neue Menschen, … während ich mal kurz an der Oberfläche auftauche. Mein Körper wird ständig krank und wieder gesund, ist dabei aber plötzlich schmerzresistent, und wehrt sich gegen jede Form von klassischem Yogaprogramm.

Eine feine Zärtlichkeit wächst da heran, wie ein kleines Spinnennetz so zittrig und bebend bei der kleinsten Bewegung. Und so ist mein Yoga wie ein feiner Lufthauch und grade ausreichend, um das Netz in Schwingung zu versetzen; kunstvoll, achtsam. Keine großen Gesten mehr; nur behutsames Entwirren und Ordnen.

Und da ist noch etwas: Würde.

Die Würde, über die ich häufig nachdenke. Würde, wie die nackten, glatten Körper antiker Götter.

So gehe ich manchmal durch die Strassen: stark, weil vollkommen berührbar und ohne Ansinnen, mich zu verbergen. Ich fühle mich sicher. Und still.

Wir dürfen uns nicht länger einreden lassen, dass wir kaputt oder zerbrochen sind.

Unsere Splitter gibt es vielleicht, aber sie stehen nicht im Widerspruch. Die Zerrissenheit existiert nur für das anklagende Auge.

Es gibt ein anderes Auge, das fragt: „Was genau ist deine Wunde?“ Zeige ihm, was dir so weh tut. Zeig ihm, was streitet in dir und scheinbar nicht zusammenpasst.

Und unter diesem Blick wächst alles zusammen, was zerschnitten war.

Das ist Liebe: sich und Andere betrachten mit dem Auge, das die Ganzheit erkennen will.

Und das ist auch Liebe: sich dem Blick eines solchen Auges nicht zu entziehen. Kein Verbergen, kein Zurückscheuen davor, bis zum Grund erkannt zu werden – das ist eine Liebesgabe.

Das Taktieren zuzugeben.
Heucheln und Hoffen offenzulegen.
Das Zweifeln zu zeigen.

Mir dämmert ganz allmählich, dass es vielleicht das größte Geschenk ist, das wir zu geben imstande sind und das uns retten wird: Einblick zu gewähren ins Unansehnliche, ins Verstaubte und Verdrehte. Einzuladen, herauszufordern, die Wahrheit aufzutischen.

Und das größte Empfangen liegt im Vertrauen eines nackten Menschen, sich uns zu offenbaren, mit allen Makeln und Unsicherheiten.

Liebe ist, zu verweilen in der schmerzlichen Unvollkommenheit, die sich uns zeigt, sei es die eigene oder fremde. Sie mit Weichheit anzublicken und uns von ihrem Feuer reinigen zu lassen.

Ich habe eine heilige Sehnsucht nach solchen Augen & Blicken. Wir doch alle.

Das und mehr geht mir durch den Kopf, während der Wasserkrug vom Fensterbrett zum Schreibtisch wandert.

Die Statue auf der Straße dreht sich um, wird wieder atmender Mann. Ein Mädchen johlt. Zauber gebrochen, Telefon läutet. Aber darunter, unter Wasser, öffnet sich ein Auge und blickt, und blickt, und blickt…

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