Meister des Tages


Ich traue mich erst gar nicht hinzusehen. Ich höre nur seine Stimme.

Durch eine Reihe von Zufällen bin ich wieder in diesem feinen Kaffeehaus am Fluss gelandet. Ist lange her.

Die Stimme also gehört zu einem ehemaligen Yoga-Kunden. Einzelschüler.

Er ist nach zwei Einheiten abgesprungen, hat sich nicht mehr gemeldet.

Jetzt steht er in der Mitte des Raums, ins Gespräch vertieft.

Meine Augen blinzeln kurz, tun so, als hätten sie ihn nicht gesehen.

Wenn ich ihn jetzt grüße, dann bringe ich ihn in die Verlegenheit, mir vielleicht erklären zu wollen, warum er nicht mehr gekommen ist?

Wenn ich ihn nicht grüße, dann ist das auch blöd. Warum so tun als hätte ich ihn nicht gesehen?

Ich springe über meinen Schatten und gehe zu ihm. Und ihm huscht tatsächlich auch ein Schatten übers zerfurchte Gesicht, ein Anflug von Peinlichkeit. Mir auch. Wir retten uns irgendwie drüber.

Mein Cafe Latte ist leer, als er sich zu mir an den Tisch setzt.

Er hatte Schlafstörungen, deshalb ist er damals zu mir gekommen.

Da ist sie wieder, die eingegrabene Denkerfalte auf seiner Stirn. Schon bei unserer ersten Begegnung fragte ich mich, ob sie ihm eigentlich auf der anderen Seite des Schädels wieder herauskommt, so tief ist sie.

Er hat beschlossen, sich nicht mehr abzulenken damit, irgendetwas gegen den gestörten Schlaf zu unternehmen. Er hat beschlossen, sich dem Kern der Unruhe zu stellen.

Kein Yoga, kein autogenes Training, kein Dies, kein Das.

Kurz gesagt: kein Wegmachen.

Es tut ihm Leid, dass er kein Yoga mehr bei mir macht, sagt er. Und dass ich es hoffentlich verstehe.

Ich muss lachen. Weil er mir die Kraft der letzten Wochen so toll in Worte fasst: Nichtablenken, Nichtwegmachen, Daseinlassen. Ein Bote der Synchronizität!

Und dann muss ich ihm sagen, dass er es schon längst macht, sein Yoga. Wahrscheinlich seit dem Augenblick, in dem er beschlossen hat, nichts mehr gegen Etwas zu unternehmen?

Und dann gibt er mir die Hand und geht, der Meister des Tages.

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