Kreise durchs Jetzt (eine Trennung, Teil 1)


Das ist ein alter Post, liebe Leserschaft.

Monatealt, das ist in Bloggerzeit fast schon steinzeitlich.

Er lag seit Mai so in meinen Entwürfen rum. Und weil er jetzt auch eine Fortsetzung hat, habe ich beschlossen, ihn zu posten. Eine hübsche Momentaufnahme aus einem trennungsgebeutelten Innenleben. Schnallen Sie sich an, los geht’s.

Mai 2013

Ich habe einen Pernod bestellt. Mein Glas hinterlässt einen nassen Kreis auf dem Tisch. Der Kellner hat einen Kreis auf dem T-Shirt.

Kreise. Kreise schließen sich. So hätte es mein Hirn gerne. Mein Hirn produziert Geschichten – es versucht anzuknüpfen, zu vergleichen, zu verstehen. „Lalala“, sage ich zu meinem Hirn. „Trink erst mal.“ Und mein Hirn trinkt den Pernod dankbar.

Er hat vor ein paar Wochen Schluss gemacht.

Jetzt sitzen wir hier, ich mit Pernod, er mit Bier. Wir treffen uns. Es ist schön. Wir mögen einander. Und unsere Gegenwart. Ich bin nervös, weil ich mich vielleicht verstellen werde. Oder auch nicht. Weil ich Blödsinn sagen werde. Oder auch nicht. Alles offen.

Nach dem dritten Pernod fragt er: „Hättest Du mich eigentlich verlassen?“

Er hat gespürt, dass ich nicht ganz da war. Ihn nicht gesehen habe.
Ich war voller Sorge um uns und nicht bei ihm. Großer Unterschied.

Und jetzt – genau da! – ist der Punkt, wo ich mich hemmungslos und für den Rest des Abends verliebe in die Weisheit des Lebens. Weil er mir DIE entscheidende Frage stellt, die alles ins richtige Licht rückt.

Denn meine Antwort lautet: „Nein. Nicht dich. Aber die Beziehung.“

Nicht Dich. Aber die Beziehung.

Das tut so gut. Das ist die Erklärung für all diese seltsamen Beziehungsexplosionen, die ich rund um mich wahrnehme.

Wir verlassen nicht unsere Partner. (Gut, ich gebe zu, es gibt Ausnahmen. Ich hatte z.B. mal eine Phase, da hab ich mir von vorneherein Männer ausgesucht, die ich nicht mochte, – in diesen Fällen habe ich tatsächlich die Männer verlassen, nicht die Beziehung. Damals dachte ich, dass man Verliebtheit einfach überspringen sollte – wenn sie doch angeblich eine Illusion ist. Stimmt nicht. Tut das nicht. Verliebt Euch!, es ist sehr wichtig.)

Wir verlassen dieses seltsame „Dritte“, dieses Triumvirat aus Angst, Regeln und Geschichten. Im Rückblick erkenne ich, dass es noch immer die „Beziehung“ selbst war, die dafür gesorgt hat, dass meine Verbindung zu einem geliebten Menschen irgendwie schal wurde. Mein Blick trübe. Mein Herz ängstlich.

Oder, weil ich die totale Verbesserungs-Nazi bin, dafür gesorgt hat, dass ich vor lauter kreisender Gedanken rund um das, was fehlt, übersehen habe, wer da ist.

Es hat geknackt in meinem Kopf. Mein Hirn quillt in alle Richtungen, weil ihm seine Schale fehlt.

Es begreift gerade, dass es kein Zurück in sichere Konzepte gibt. Von nun an gibt es nur noch nacktes Jetzt. Keine Zukunftspläne, keine Versprechen.

„Ah, toll, beim nächsten Mal werde ich …“ sagt mein Hirn. „Nein, Süße“, sage ich. „Es gibt keine nächste Beziehung mehr.“

Zukunfts-Wünsche, ja. Vereinbarungen, auch okay.

Aber keine Geschichte mehr, die mich von grundlegenden Ängsten ablenkt. Das ganze Aua: da ist es, auf dem Tisch. Ohne Schuldzuweisungen und ohne „Hätte-Sollte-Könnte“. Ich kann mich nicht mehr ablenken.

Ich strecke alle Viere von mir. Angeblich singen an diesem Punkt Engels-Chöre: „Aaahhh … der Mensch erwacht! …“

Ich fühle mich derweil elend.

Nicht, weil das Beziehungs-Verpflichtungs-Blabla-Zeug zerbrochen ist; den Verlust von Geschichten überwinde ich recht leicht.

Was mich schmerzt, ist wie mir das Beziehungs-Verpflichtungs-Blabla-Zeug den Blick verstellt hat und mich feige gemacht hat. Ich habe vergessen, Gegenwart hemmungslos zu genießen, mich zu erfreuen an meinem wunderbaren Gefährten – solange er da war. Zu sehen, auf welche Weise er erholsam und anstrengend und überraschend und langweilig und anregend und verunsichernd er für mich sein kann, einfach so. Und dass er, ich, wir alle, im Endeffekt genau gar nichts sind, außer da.

Bedingungslos meine Wahrheit auszusprechen, meinen Blick zu teilen, das Schöne, das Hässliche, das Neutrale, alles. Herauszufordern mit meinen Ansichten und dadurch vollkommen lebendig zu bleiben. Und vor allem: nicht unbedingt einen tieferen Sinn zu suchen, wenn es immer nur diese eine Bestimmung gab: Gewahrsein.

Ich bin eine so verbohrte Sinn-Sucherin. Grrr. Der doofe Sinn vernebelt mir das Hirn.

Nein, ich werfe es mir nicht als Bösartigkeit vor; bereue auf angenehm aufrüttelnde, klärende Weise.

Ich habe mich austricksen lassen – das wurmt mich. Die vergiftenden Fragen einsickern lassen, ein bisschen zu tief, ein bisschen zu weit: „Siehst du eine Zukunft mit ihm? Ist es was Festes? … WELCHE GESCHICHTE WILLST DU UNS ÜBER EURE GEMEINSAMEN MOMENTE ERZÄHLEN?“

Am Anfang unserer Verbindung schrieb ich:

Werde wortloser, in vielerlei Hinsicht. Wenn Leute mich fragen, wie z.B. mein Freund so ist, oder wie es mir geht, dann fehlen die Worte. Es gibt nichts mehr, das wirklich stimmig wäre und ich erinnere mich an V.s Worte: „Der Verstand hinkt immer hinterher.“ Ich könnte erzählen, was passiert ist, oder versuchen zu beschreiben, was so wunderbar zwischen uns ist – und kann es nicht.

Juni 2011

Und in der wunderbaren Durchputzstimmung einer Krise erkenne ich, dass ich schlicht nicht die Wachsamkeit hatte, mich gegen das Gift des Einschachtelns und Geschichtenmachens zu stellen.

„In welches Kastel soll ich uns denn stecken?“

Die Frage, die mich mit Schuldgefühlen erfüllte. Mir den Atem raubte. Mir die Sinne raubte.

Weil es eine Frage ist, auf die wir niemals eine permanente Antwort wissen sollten.

(Ich habe mir vorgenommen, in Krisenzeiten öfter rückwärts in meinen eigenen Tagebüchern zu lesen, weil da oft verdammt schlaue Dinge drin stehen. Siehe oben.)

All diese Fragen haben nichts mit Liebe zu tun. Wer kann denn ernsthaft eine Zukunft sehen, für irgendetwas im Leben, als wäre es eine fixe, feste Einheit?

Zukunftsfragen werden von der Angst in den Raum gestellt. Die Fragen wegzustellen gibt den Blick frei auf die Angst. Und deswegen habe ich all diese Fragen bereitwillig in meinen Kopf gelassen: um den Gargl fernzuhalten.

Bam. Aufgewacht. Danke Leben.

Und da ist es nun: das Ende der Liebes-Geschichten.
Der Anfang des Liebes-Seins.
Wo es total dreckig und ehrlich und unsicher zugeht.

Das Schrägste ist, dass ich nach dieser Trennung mit dem selben Menschen erlebt habe, was es heißt, sich im reinen Augenblick zu begegnen, sich wirklich zu sehen. Es war ein Erlebnis, so verunsichernd und aktivierend wie die Verliebtheit des Anfangs – plus der Klarheit, der Aufrichtigkeit des Kennens – so irgendwie.
Jeder sagt plötzlich, genau was er will! Wow, es wird spannend.

Aber Oh-Mein-Gott ist mein Hirn damit überfordert. Es kippt aus den Latschen vor lauter Unsicherheit. Wo kämen wir hin, wenn ich mich so restlos offenbarte?

WER WIRD MICH DANN NOCH LIEBEN? Oder ein bisschen bei mir bleiben wollen?
Keine Taktik funktioniert mehr, kein Einfangen, kein Versprechen, kein gar nix, und sei es auch noch so subtil.

Nun, das ist mal ernüchternd. Ich habe tatsächlich noch immer geglaubt, dass ich mir Zuneigung erarbeiten, erködern kann. Verdammter Mist.

Das Herz ist happy an diesem Ort der Offenheit. Es vertraut. Es weiß: ich mag ihn. Sehr. Endlich ist das Hirn aus dem Weg und ich kann es fühlen. Nicht aus Sehnsucht oder so. Sondern weil ich ihn jetzt sehen kann. Noch besser. Klarer. Wenn er die Straße hinunter von dannen zieht, ist es auch schön. Weil ich ganz da war und jetzt da bin.

(Das ist kein Zustand, den ich irgendwie halten könnte, ich kann alle beruhigen.)

Getrennte sollten sich sehen. Damit sie sich erkennen können, vielleicht zum ersten Mal.

Und vielleicht sollten wir sie nicht Getrennte nennen.

Sondern Menschen, die die Bürde eines gemeinsamen „Mythos“ abgelegt haben. Das ist nicht sehr romantisch, wenn zwei verwundbare Herzen aufeinander treffen und erstmals nicht mehr versuchen, sich die Pflaster beim Anderen zu holen.

Es liegt eine große Zärtlichkeit in der Art,
wie wir zur offenen Frage werden.

Die Zärtlichkeit, nicht einzugreifen:
den Augenblick seine Kreise ziehen zu lassen –
zueinander, von einander weg, in alle Richtungen.

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