Brief an 2013


 

Januar
Es beginnt gemütlich.

Februar
3 Wochen im Bett. Die Welt, die Menschen, das Leben generell finde ich Scheiße. Muss mir allerdings eingestehen, dass ich es gerne am Silbertablett serviert hätte. Und dass ich nicht gesund werden kann, wenn ich nicht gesund werden will. Mpf…

März
Innerlich kopflos im Kreis laufend, äußerlich schockgefrostet, schaue ich dabei zu, wie mein Freund und ich vor unseren Augen ausbleichen. Nebenbei wuchte ich ein Geschäft, als herrschte Krieg.

April
Erkenntnis: meine trotzige Einstellung ist an sich schon anstrengend, aber außerdem echt unsexy. Beginne aufzuräumen.

Mai
Das Leben ist eine einzige dramatische Geste. Ein Funken Klarheit erhellt in mir die Vermutung, dass sich die romantische Seifenoper wiederholt, damit ich den Sprung in der Platte finde. Das ist aber auch schon die einzige Begründung, die ich finden kann. Scheiden tut weh.

Juni
Jetzt ist es keine Seifenoper mehr, sondern richtig heftig. Schmerzen. Schmerzen. Ich wusste nicht, dass ein menschliches System zu derartiger Pein in der Lage ist, ohne körperlich verletzt zu werden. Ab diesem Punkt hab ich oft den Eindruck, ohne Sauerstoff ein Hochgebirge erklimmen zu müssen. Was auch immer mich stützt und weiterträgt: es ist real. Engel sind gute Kumpels.

Juli
In einer schwülen Sommernacht trete ich ein in die Schule des Glücklichseins. Das ist der Entschluss: jeglichen passiv-aggressiven Vorwurf, jedes trotzige Dagegenstemmen sein zu lassen. Spüren, was ich jetzt tun und sein kann, damit ich glücklich bin. Mein Stolz ist dagegen, aber das kümmert mich nicht. Das Leben wird wirklich lieb zu mir. Zeigt mir, dass ich mir Dinge ruhig wünschen kann; mich meiner Bedürfnisse nicht schämen muss. Gehe in einer Art verborgenem Schlaraffenland spazieren; ständig fällt Manna vom Himmel.

August
Mein Mann hat wieder bei mir angeklopft. Diese Art von Konstellation ist überladen mit gesellschaftlich anerkanntem „Sollte“, „Muss“ und „Lass dir das nicht gefallen!“ Deshalb trete ich äußerst vorsichtig auf. Was tun, wenn ein Teil glasklar erkennt, dass es nicht um Schuld sondern um Dankbarkeit geht, und der andere bei der kleinsten Anspielung aufheult und prophylaktisch zustechen will? Man geht einfach einen Schritt nach dem anderen, weil man ohnehin jeglichen Glauben an „logische“ Zusammenhänge abgelegt hat und weiß, dass sich Alles jederzeit in Alles verwandeln kann. Und das ist schön.

September
Die Erde ist vergoldet, Menschen öffnen die Arme und die Herzen. Mit einer Freundin habe ich einen Retreat organisiert. Das schönste Geschenk: Geschenke zu haben, die ich weitergeben kann.

Oktober
Eine ganz neue Linie in meiner Arbeit. Eine Gemeinschaft, die sich bildet. Für Andere einen Hafen bauen, wo die Kapitäne weitgereister Schiffe einander begegnen, aufladen, umladen und abladen können. Mich reich fühlen.

November
Außen ruhig, innen bewegt. Noch mehr neue Freunde. Noch mehr Freude. Ansteckend sein und mich anstecken lassen. Verantwortungsbewusstsein verfeinern. Konfliktfähigkeit ausbauen. Bekanntes Chaos-Terrain betreten und es diesmal anders machen.
Die Grundpfeiler eines guten Lebens festigen: Morgen- & Abendpraxis, egal wie kurz, sind mein Kompass und magisches Labor.

Dezember
Schöne Dinge basteln. Die losen Fäden dieses Jahres vernähen, Falten ausbügeln, alles in den Schrank räumen. Ein bisschen mehr träumen, ein bisschen weniger tun.

Liebes 2013,
lass mich ehrlich sein: am Liebsten wäre mir, wenn du deine Sachen gründlich packst, wir uns freundlich verabschieden und uns dann nie mehr wiedersehen.
Du warst bittersüßes Erleben, exzellenter Lehrmeister, hochpotente psychotrope Substanz.
Das wäre auch schon die Grenze meiner Dankbarkeit. In aller Demut behaupte ich, fürs Erste deine Lektionen gelernt zu haben und blicke froher Erwartung dem Augenblick entgegen, in dem ich dich, Zuckerbrot und Peitsche in Händen, um die nächste Ecke verschwinden sehe.

Im Wissen, dass Alles jederzeit zu Allem werden kann, sage ich:
„Pfiati di Gott!

2 Antworten zu “Brief an 2013

  1. das ist exzellent geschrieben. danke fürs bloggen. und ich wünsche dir, dass 2014 schöner, besser, freundlicher wird, und dass du (zufrieden und glücklich) durchschnaufen kannst nach dem jahr 2013. (meins war auch so. uff.)
    eine frage. die schule des glücklichseins im juli, von der du sprichst, ist das eine metapher, oder tatsächlich etwas real existierendes? (du weißt, was ich meine – ich kanns grad nicht besser ausdrücken).
    ich wünsche ein wundervolles wochenende und ein ebensolches 2014.

    • Liebe Wolkenreisende,
      danke für deine lieben Worte! Ich wünsche dir auch ein freundliches 2014.

      Das mit der Schule des Glücklichseins war eine Metapher – aber im Prinzip existiert diese Schule für bereitwillige Schüler tatsächlich. Rundherum und immer :-)
      Alles Liebe!

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