Ein Brief an meinen kleinen Bruder in Paris (sandeln, schweigen und 30 werden)


Verfasst in meiner unbeschreiblichen Kralle, mit Feder auf Papier, wie in den guten alten Zeiten. Die mein Bruder und ich hochleben lassen.

Graz, am 30. Januar 2013

Lieber L.,

vor zwei Tagen war Papa bei mir zu Besuch. Nachdem er es geschafft hat, mich innerhalb von fünf Minuten hirnscheu zu machen („Ah ja … weißt du schon … und bevor ich’s vergess … was machst du eigentlich heu?-ah! nein, Lily, das muss ich vorher noch sagen! …“ etc.), hat er sich mit einem Kaffee auf mein Sofa gesetzt und unvermittelt gefragt:

„Glaubst du, dass der L. in Paris versandelt?“

Ja, und das ist wohl Gegenstand und Anlass dieses Briefes – zu eruieren, ob du versandelst, und dir von all den einfallsreichen Weisen zu berichten, auf die ich versandle.

Dabei ist mir durchaus bewusst, dass dieses Medium nicht unbedingt geeignet ist, dich möglichst schnell vor der möglichen Versandelung abzuhalten, denn unter Umständen liest du diesen Brief erst dann, wenn du bereits unter einer Brücke an der Seine dein Kartonlager aufgeschlagen und der edelste Clochard von ganz Paris geworden bist. Aber immerhin wirst du dann ein Schreiben deiner Schwester zwischen den zitternden behandschuhten Fingern halten und wissen, dass dich die WElt nicht ganz vergessen hat – nicht ganz. :)

Gut, aber zurück zu unserem Vater. Es hat mich getroffen, dass er mir bei dieser Frage nach deinem Wohlbefinden so richtig in die Augen gesehen hat – also mit diesem Blick an dem man erkennt, dass er gerade nicht auf seinem Gedankenkarussell sitzt, sondern mit der Realitätt in Kontakt tritt. Aus Sorge um seinen Sohn. Och! [hier befindet sich eine Karikatur meines besorgten Vaters auf dem Papier]

[Fragen an einen kleinen Bruder]

Also, was treibst du – oder nicht? Isst du noch? Nimmst du Drogen und wenn ja, macht es Spaß? Wie lange schläfst du und träumst du? Träumst du überhaupt? Liegt Schnee in Paris (hier liegt viel Schnee – endlich)? Welche Musik hörst du? Wo gehst du spazieren? Was ist das schönste Gebäude, das du diese Woche gesehen hast? Und das hässlichste? Warum sind die Pariser so elegant? Was ist deine wöchentliche Baguette-Ration? Was liest du und ist es lesenswert? Was ist das Lustigste, das du heute erlebt hast und wofür bist du dankbar – so richtig, richtig irrational dankbar?

Was kannst du dir gerade nicht leisten und was hast du dir als Letztes geleistet?
Was ist der Sinn des Lebens aus deiner Sicht?
Sind deine Schuhe warm genug?

Trägst du noch immer keine Haube? Wieviele Fenster hat deine Wohnung und welches hat die schönste Aussicht? Welche Farbe hat die letzte Blume, die du gesehen hast? Was siehst du, wenn du die Augen schließt?

Was ist ein seltsames, unübersetzbares französisches Wort?
Warum sind Freunde wichtig und bist du ein guter Freund?
Wann hast du das letzte Mal gelogen und warum?

Was macht dich traurig? Was ist das Beste am Aufwachen? Was das Beste am Schlafengehen? Und warum sind handgeschriebene Briefe so besonders?

[Sprechen & Schweigen]

Ich sitze hier gerade mit Musik von Mumford & Sons. Sie dröhnen aus meinem neuen Laptop (ein Lenovo!), der mit unserem brandneuen superschnellen WLAN verbunden ist (eine Initiative von N.!) und dank dieser sensationellen Verbindung kann ich jede Musik hören, die ich will, wann und so lange ich will und oh-mein-Gott … das Leben ist schön.

In den letzten Wochen habe ich meine Kommunikationsmuskeln trainiert.

Kennst du das Gefühl, dass dein Herz/Bauch ganz schnell weiß, was es sagen will, aber auf dem Weg zum Mund dreht dein Verstand die Worte herum, feilt an ihnen, versucht sie gefälliger und „besser“ zu machen, und über deine Lippen kommt dann so eine aufpolierte Lüge (oder auch einfach nur eine Irrelevanz)?

Jedenfalls hab ich geübt, klar und deutlich zu sprechen. Mit D. [mein Freund], mit Freunden, mit Kunden, mit Leuten … seit ewigen Zeiten kann ich auch wieder den Wert des Schweigens erkennen. Dass es angenehm sein kann, mit jemandem still zu sein (statt stressig). Dass gemeinsam Schweigen nicht bloß die Pause zwischen Gesprächsthemen ist, und auch viel mehr als die Abwesenheit von Worten, sondern eine eigene Art der Kommunikation. [Liebe Leser, es fällt mir schwer, diese Erkenntnis in all ihrer Naivität so stehen zu lassen – fast schon peinlich – aber genauso habe ich es meinem Bruder geschrieben.] Ich habe so viel mehr über D. gelernt, wenn wir gemeinsam still waren. Was seine Körpersprache erzählt, seine bloße Anwesenheit, all die Dinge eben, die man nicht in den Buchstaben lesen kann, sondern zwsichen den Zeilen.

Was einen Menschen berührt, wie er lebt, wie er das Leben erlebt…

Das meiste Spannende passiert eigentlich zwischen den Zeilen und ich finde es spannend zu beobachten, wie mich die Stille in den letzten Wochen unterrichtet hat.

[30 werden]
[mehr zur 30]

Letzten Dienstag ist nach der Yogastunde eine Freundin/Yogini noch auf einen Tee geblieben. Wir haben darüber geredet, was es ausmacht, 30 zu werden (sie hat schon ein Jahr Vorsprung). Und wir sind zu dem Schluß gekommen, dass 30 werden länger dauert als man glaubt.

Es fängt Ende 20 an, mit so seltsamen Ausmistaktionen und einem Gefühl, dass das spielerische Ausprobieren irgendwie nicht mehr die optimale Lebensstrategie ist und man zugleich noch keine Richtung sieht, oder doch, nur sehr verschwommen. Dann fängt das Leben an, auf unterschiedliche Art zusammenzubrechen. Man sieht seinen schlimmsten Ängsten ins Auge. Man versucht, die Dinge in eine gewünschte Richtung zu drücken und kriegt nur Muskelkater.

Man hat einen Weltschmerz wie in der Pubertät, nur dass man ihn nicht so ernst nehmen kann wie damals und das macht ihn besonders hoffnungslos.

Man macht einfach weiter, weil einem nichts Besseres einfällt und man sein Bestes gegeben hat. Man fragt sich, ob man sich völlig verändern muss.

Und eines Tages wacht man auf und stellt durch eine absurde Kleinigkeit fest, dass man sich tatsächlich verändert hat.

Man ist aus einem Käfig herausgeflogen und ist mehr man selbst als je zuvor.

Man hat begriffen dass man zählt und dass es sehr sehr wichtig ist, man selbst zu sein; in allem was man sagt und tut und denkt und anpackt und liegen lässt ganz aufrichtig und leidenschaftlich und ernsthaft die eigene Wahrheit zu ehren, weil so viel davon abhängt. Man versteht das Leben noch immer nicht und geht vielleicht noch immer wackelig, aber man traut den eigenen Schritten.

Vielleicht ist da mehr Dankbarkeit, ohne dass es Gründe dafür gibt, einfach so. Danke für die Wärme im Rücken, danke fürs Essen, danke für den Regen vor dem Fenster. Man ist wirklich nicht mehr jung, aber gar nicht alt, und man will es ausnützen, ganz und gar.

Da fällt mir Dorian Gray ein, den ich gerade lese – hast du dieses Buch schon gelesen? Ich bin ganz begeistert … Oscar Wilde ist bis jetzt an mir vorbeigeflutscht und ich verstehe ehrlich gesagt gar nicht warum.
Wenn du das Buch schon kennst, dann kannst du vielleicht verstehen, warum ich jede Seite doppelt und dreifach unterstreichen will – und es auch mache (auf dem Kindle!).

Ich überlege, ob ich mal eine Wilde-basierte Yogastunde mache. Das wär ja mal was ganz Neues.

Und nun zu deinen Neuigkeiten. Ich will sie lesen, kurz oder lang, es ist ganz egal, hauptsache sie sind aus deinem Hirn über die Finger aufs Papier gewandert.

Ich drück dich ganz fest,Deine SSista

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