Vergebung auf dem Teller


 Jenseits der Matte ::: gelebtes Yoga für zwischendurch
Wassermelonen
 Wassermelonen-Kunst via Electric Voltage

Ich esse „das verbotene Zeug“ gerne im Vorübergehen – ein Stückchen hier, ein Stückchen da. So muss ich mir nicht eingestehen, dass ich Lust auf die ganze verdammte Chipspackung habe. Und bekomme sie trotzdem. Wortwörtlich im Vorübergehen und ohne mir in meiner Gier selbst aufzufallen.

Oder ich esse das doofe Sackerl in einem Satz leer – doch nur, während ich etwas Anderes tue. Auch das eine praktische Maßnahme, um nicht vor mir selbst aufzufliegen.

Diäten beruhen auf der unausgesprochenen Angst, eine Wahnsinnige zu sein, eine Nahrungsterroristin, eine Verrückte, der nicht zu trauen ist … Diäten versprechen nicht nur, dass Sie einen anderen Körper haben werden, sondern auch, dass Sie durch Ihren neuen Körper ein neues Leben haben werden. Wenn Sie sich nur genügend hassen, werden Sie sich lieben. Wenn Sie sich genügend quälen, werden Sie ein friedlicher, entspannter Mensch.“

Seit kurzem mache ich eine kleine P-A-U-S-E bevor ich mein Essen in den Mund schiebe. Ich bete dann einfach so still in meinen Napf hinein.

Ich weiß nicht, warum ich mich so lange geweigert habe, diesen „Bewusster Essen“-Trip mitzumachen. Wahrscheinlich, weil es mir viel zu umständlich war und ich befürchtet habe, eine letzte große, heimelige Bastion der Hemmungslosigkeit in meinem Leben zu verlieren: !E!S!S!E!N!

Warum nur erschien es mir unendlich viel reizvoller, die ersehnte Chipspackung nur halb mitzubekommen? Warum rief die Vorstellung, bewusst zu genießen, eher innere Bilder der Entbehrung und Langeweile hervor?

Der Krampf mit dem Essen, das ewige Dilemma der verbotenen Naschereien, das Rationieren und anschließende Über-die-Stränge-schlagen sind allesamt Resultate des gleichen Selbstbilds:

„Mir und meinen Regungen ist nicht zu trauen – ich muss mich kontrollieren, denn wenn ich täte, was ich wollte, würde ich mich wahrscheinlich um Kopf und Kragen völlern. Daher werde ich mir Pläne erstellen und mich in die Schranken weisen. Aber wie ich mich gierigen Nichtsnutz kenne, werde ich nach ein paar Minuten/Stunden/Tagen der Abstinenz wieder rückfällig werden. Und was soll’s – ich habe mich genug kasteit, dann genehmige ich mir eben diesen Rausch.“

Und darf ich anmerken, dass das Essen mit ALLEM zu tun hat?

Es geht also nicht um „GESUND“ und „MEHR GEMÜSE“, sondern um das generelle Misstrauen der Fähigkeit gegenüber, von selbst zu tun, was gut tut. Beim Essen, beim Geld, bei der Kleidung, der Bewegung, den Freundschaften, im ganz normalen Leben.

Essen ist Spiegel.

„… zwanghaftes Essen ist die Weigerung, ganz lebendig zu sein. Es ist egal wie viel wir wiegen – diejenigen unter uns, die zwanghaft essen, leiden unter seelischer Magersucht. Wir weigern uns, zu uns zu nehmen, was uns ernährt. Wir führen ein Leben des Mangels. Und wenn wir es nicht länger ertragen, dann völlern wir. All das gelingt uns durch den einfachen Akt des Verduftens – indem wir uns täglich hunderte Male selbst verlassen.“

Ich habe entdeckt, dass ich bewusstes Essen mit etwas Anderem verwechselt habe.

Zum Beispiel mit dem Speisen unter der strengen Aufsicht argwöhnischer Blicke, die jeden Bissen böse kommentieren und seine Konsequenzen schildern.

Oder mit permanenter Mäßigung, großem Ernst und dem Ende der Ausgelassenheit.

Oder mit der Bemühung, im Angesicht der Versuchung den gesitteten Menschen zu mimen, während jeder köstliche Bissen noch hungriger macht.

Doch das ist es nicht.

„Unsere Arbeit besteht nicht darin, zu verändern was Sie tun, sondern das was Sie tun mit so viel Bewusstheit, so viel Neugierde, so viel Mitgefühl zu beobachten, dass die Lügen und alten Entscheidungen, auf denen der Zwang beruht, sichtbar werden und wegfallen. Wenn Sie nicht länger glauben, dass Essen Sie retten wird, wenn Sie sich erschöpft, überfordert oder einsam fühlen, werden Sie aufhören. Wenn Sie mehr an sich selbst als ans Essen glauben, werden Sie aufhören, das Essen zu benutzen als wäre es Ihre einzige Möglichkeit, nicht zu zerbrechen. Wenn die Gestalt Ihres Körpers nicht länger zur Gestalt Ihrer Überzeugungen passt, verschwindet das Gewicht.“

Da sitze ich also und bete in mein Essen hinein und schmecke anschließend, wie es eben schmeckt.

Schmecke, was tatsächlich ist und was ich mir erhofft hatte.

Merke, dass ich vielleicht Hunger habe auf „mehr“, auf einen Genuss, von dem ich noch nicht weiß, wie ich ihn mir auf andere Weise holen kann. Aber das ist okay.

An anderen Tagen bemerke ich, dass es genau das ist, was ich will, und dass ich mehr will – mehr von DIESEM Geschmack. Dann lasse ich mich satt essen an dem was ich brauche und beobachte, wie es ist, dazu zu stehen, statt es mir zu erschummeln.

Und an den meisten Tagen bemerke ich, dass es stimmt: Essen hat mit allem Anderen zu tun. Ich esse so, wie ich Geld ausgebe, wie ich mir Platz zugestehe, wie ich mir Gewicht zugestehe, wie ich zu meinen Wünschen stehe, wie wichtig ich mich nehme, wie lebendig ich wirklich sein will.

Wenn der Hunger nach „Was-auch-immer“ endlich eingestanden ist, wenn vielleicht auch die Taubheit oder Leere nicht länger überfüttert werden, darf das Essen einfach sein, was es ist.

Für einen Augenblick leuchtet mir klar die Einsicht, dass Seelenfutter nicht unbedingt auf meinem Teller zu finden ist, dass ich mich nicht in ungestilltem Verlangen verzehren muss und dass Sattsein ein Zustand ist, dem ich als ganzer Mensch zustreben darf – nicht nur mit meinem Magen.

Alle Zitate aus: Geneen Roth, Essen ist nicht das Problem

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3 Antworten zu “Vergebung auf dem Teller

  1. finde ich prima, dass du dich hinsichtlich des bewussten essens selbst überwunden hast. was auch immer dich da blockiert hat, vermutlich der „falsche eindruck“, wie du geschildert hast.
    lass es dir schmecken. herzhafte grüße :-)

  2. vielen dank. :-) was ich noch vergessen hatte zu schreiben aber unbedingt noch gesagt sein will: interessanter text über das essen. ich finde die kombi aus: so, wie du isst, so lebst du – sehr interessant. aber es sind noch viele andere, interessante gedanken von dir im text. vielen dank dafür.
    liebe grüße ins wochenende von der essensbeobachterin und essensesserin. :-)

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