Auf der Matte ~ Wahrheit lockt Geheimnisvolles


Auf der Matte: Inspiration für die Yoga-Praxis

Geheimnisse halten die Liebe aufrecht.
Ungesagtes weckt Interesse.

Tatsächlich?

Das „kleine Geheimnis“ ist nicht Garant für erhoffte Lebenslust, sondern Garant für gehörig Spannung: Ver-Spannung nämlich. Das Prinzip von Tarnen und Täuschen lenkt das Leben in schale Bahnen, in denen Vermeidung, Rätselraten und Schuldgefühle unsere täglichen Begleiter sind.

„Ah, wenn interessiert’s schon was ich in der Abgeschiedenheit meiner eigenen vier Wände mache?“, könnte jemand sagen. Ich stelle fest, dass meine kleinen, privaten Geheimnisse recht große, spannende Dinge verbergen.

Als Beispiel: Ich habe eines Tages festgestellt, dass ich zu kindlichem Stopf-Drang neige, sobald ich alleine bin und mich dann für dieses Verhalten schäme; es geheimhalten möchte. Nun interessiert mich, was hinter meinem kleinen krümeligen Geheimnis steckt. Es ist erleichternd, diese alte Kiste geheimgehaltener, kindlicher Zwänge und Dränge endlich auszulüften und aufzuräumen.

Diese Wahrhaftigkeit verändert nicht nur meinen Selbstrespekt, sondern auch meine Wahrnehmung „der Anderen“.

Geheimnisse verzerren die Liebe

Durch die Taktik der „kleinen Lüge“ verkommt unser Gegenüber zu einem Schatten, einer Karikatur seiner selbst in unserem Kopf. Er oder sie ist plötzlich ein Mensch, dem wir etwas vorspielen müssen.

Warum? Wir nehmen die Verurteilung der Umwelt vorweg und suchen sie zu vermeiden.

Wir sehen die Anderen nicht, wie sie wirklich sind, sondern wie wir glauben, dass sie auf uns reagieren werden.

Die Furcht vor dem Urteil anderer Leute führt dazu, dass wir uns mit genau diesem Urteil in uns selbst einsperren und uns an genau jenem Punkt von anderen zurückziehen, an dem wir besonderer Zuwendung und Freundschaft bedürfen.

Zwei Herzen in einer Brust

Unser Dilemma: wir wollen verstanden werden UND Scham vermeiden. Wir wollen uns anvertrauen UND auf keinen Fall die Hosen runterlassen. Wir wollen von einem liebenden Gegenüber in unserer Not gefunden werden und verkriechen uns gleichzeitig im hintersten Winkel.

Geheimnisse haben zu dürfen ist – in diesem Kontext – kein Zeichen selbstbewusster Abgrenzung. Denn die vielen kleinen, harmlosen Alltagslügen sind es, die eine ganze Menge darüber verraten, was wir tatsächlich von uns halten, wie wir für uns einstehen und wieviel Lebendigkeit und Berührbarkeit wir uns zugestehen.

Antidot: Radikales Wahrsagen.

Radikales Wahrsagen ist kontraintuitiv: vergleichbar mit einem Beutetier, das freiwillig aus seinem Versteck kommt.

Wir sprechen aus, was wir zu lange schon als gefährlich aus uns selbst zu auszusperren versuchten. Wir beschließen, das viel zu lang ausstehende Gespräch endlich anstehen zu lassen. Und erscheinen dazu ganz nackt, ohne Rüstung und Schlachtplan. Radikales Wahrsagen öffnet das Tor ins Reich der unbegrenzten Möglichkeit.

Wahrheit = Wachheit

An diesem Punkt ergibt ein Wort das nächste und das ganze verdammte Kartenhaus bricht in sich zusammen. Da purzeln allerhand staubige, dreckige Klumpen heraus, die sich bei näherem Hinsehen als (scharfkantige) Juwelen entpuppen:

Siehe da, der Andere hat auch eine Meinung und SIEHE DA, sie ist berechtigt! Auf der anderen Seite gibt es ebenso tiefe, aufrichtige Gefühle wie auf meiner. Auf der anderen Seite wird genauso treffend beobachtet, wie auf meiner.

Plötzlich sitzen wir in einem Boot, und was für eine aufregende Reise das ist!

Wahrheit lockt Geheimnisvolles

Geheimnisse sorgen für kurze Kicks und höhlen die Liebe aus.

Geheimnisse vor uns selbst und dann einander zu haben, birgt lediglich den Reiz der Gefahr: Was wir herausfinden könnten, wenn wir die Anderen durchschauten, und umgekehrt.

„Was sie wohl denken könnte? Was er wohl im Schilde führt?“

Unsere Gedanken sind dabei grenzenlos frei: und malen grenzenlose Katastrophenszenarios, in denen die Anderen zu potentiellen Tätern, Verrätern und Richtern werden. Immer. Wieder.

Der Reiz des Geheimnisses führt weit weg vom geheimnisvollen Staunen. Es verstärkt unsere Tendenz, Menschen durch die Linse unserer Traumata und Prägungen zu betrachten. Geheimnisse sind Nährboden der Respektlosigkeit.

Die Wahrheit hingegen befreit aus dem Gefängnis dieser Vorstellungen.Wahrheit ist anziehend und verbindend. Selbst eine oberflächlich schmerzhafte Wahrheit bringt immer den Balsam der Erleichterung und ein irrationales Gefühl von Gemeinschaft mit sich.

Und wer sagt, dass „Wahrsagen“ immer nur von schmerzhaften Dingen handelt?

Wie viele schöne Empfindungen, wie viel freundliche Worte, werden im Namen des Anstands täglich unter den Teppich gekehrt?

Auf der Matte

Widme deine Praxis heute dem Radikalen Wahrsagen. Wenn unser Dasein Gemütlichkeitsspeck angesetzt hat, sehnen wir uns häufig nach einer Lebendigkeit und Romantik, zu der uns aber die Berührbarkeit fehlt.

Radikale Wahrheitssuche ist der Weckruf aus diesem Bequemlichkeitskoma, der wieder echte Aufregung ins Dasein bringt.

Öffne dich dafür, dass du nicht so sehr Mut dazu brauchst, sondern die Bereitschaft, wieder berührbar und weicher zu sein.

Sankalpa – Einstimmung

Widme die Einstimmung, dein Sankalpa, dem Wunsch, deiner Wahrheit heute auf die Welt zu helfen. Nimm einige tiefe Atemzüge. Was ist heute wahr? Lass es aus dir herauspurzeln. Stelle dir diese Frage immer wieder für einige Minuten.

Viele Menschen zieren sich davor, eine unangenehme Wahrheit auszusprechen, weil sie befürchten, dass sie dann auf immer in Stein gemeißelt ist und sie die Konsequenzen überwältigen werden.

Diese Übung, bei der du Schicht um Schicht tiefere Ebenen dessen erforschst, was hier und jetzt wahr ist, soll diese Sorge von dir nehmen. Ja, was wir einmal in unser Bewusstsein aufsteigen lassen, kann nicht mehr in den Keller gestopft werden.

Doch: es ist heilsam, immer wieder zu beobachten, dass Wahrheit stets von einer Unterströmung der Zuversicht getragen und von der Gewissheit, dass du Liebe bist, begleitet wird.

Zum Beispiel: Du kannst jemanden gerade hassen – das kann die unangenehme Wahrheit eines Augenblicks sein – und zugleich fühlen, dass du nichts als Liebe für sie oder ihn übrig hast. Weil euch eine gemeinsame Erfahrung verbindet. Weil du dich durch den Raum eurer Beziehung erkennst und begreifst. Weil es IST.

Verneige dich respektvoll vor dir selbst. Du bist ein Behälter der Wahrheit.

Asanas – Haltung

Gestatte deiner Frage „Was ist jetzt wahr?“ auch deine Bewegungen zu erfassen und zu beeinflussen.

Beobachte einfach, welche Nuancen der Fokus auf Wahrheit in den Asanas unterstreicht.

Verändert sich deine Herangehensweise?

Wirst du geduldiger mit dir selbst? Ertappst du dich beim „Posen“? Findest du mehr Freude, mehr Einklang, mehr Respekt?

Wahrhaftigkeit im relativ neutralen Kontext der Asanas zu üben, stärkt deine körperlichen Sensoren für Wahrheit. Wenn du weißt, wie sie sich in deinem Körper ausdrückt, wirst du ihre Fährte auch im Alltag leichter aufnehmen.

Meditation

Sitze oder stehe in deiner liebsten Haltung und bring deine Hände in einer Geste auf den Körper, die für dich Selbstachtung und Zuneigung ausdrückt.

Vorschlag: leg eine Hand aufs Herz. Mir ist aufgefallen, dass es mir in dieser Haltung umso leichter fällt, aufrichtig zu sprechen. Lügen spürt man in dieser Haltung besonders deutlich.

Versenke dich in dein Herz und in den Strom der Wahrheit, der in deinem Inneren flüstert. Sitze so einige Minuten in der Absicht, diese Verbindung in deinen Alltag hinauszutragen.

Du kannst hier auch schon mal „Vorgespräche“ mit Menschen führen, mit  denen du tatsächlich ein Hühnchen zu rupfen hast.

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