Yoga der Sexualität ::: Teil 5 ::: Liebe geht an Land


Prolog – Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Epilog
Photography: Nadia Huggins

Photography: Nadia Huggins

Die Liebe geht an Land

Ein Sufi-Spruch beschreibt das menschliche Herz als ein Meer und den Körper als seinen Strand.

Die schöne Göttin Aphrodite wurde aus Meerschaum geboren und ging als Göttin der Liebe an Land: ähnlich dem Bild der Sufis, die das Meer ihres Herzens im Körper fühlen wollen.

Wenn die Liebe an Land geht und im Körper Ausdruck findet, wird sie überirdisch und ganz natürlich zugleich. Im 4. Chakra, dem Herzzentrum, wohnt Sex als manifest gewordene Quell-Energie. Sie steigt aus den meeresähnlichen Bewegungen des Jetzt auf, um durch Körper, Geist und Herz zu fließen. Das ist die verheißungsvolle Sexualität, die erahnt wird, selbst wenn sie noch nie bewusst erlebt wurde. Es ist jene Sexualität, die wir ersehnen als zelluläre Gewissheit davon, dass es ein „Mehr“ tatsächlich gibt.

Die Selbstvergessenheit dieser Sexualität ähnelt dem inneren Zustand beim Blick in ein Feuer oder hinaus in die Wellen: Sich mitnehmen lassen von dem, was gerade geschieht und tun, was geschehen will.

Alle Sinne und alles Wollen kennen nur ein Ziel: Gegenwart zu teilen. Die Gegenwart des Selbst, die Gegenwart des Anderen, die Gegenwart des Gemeinsamen. Große Kunst ist immer größtmögliche Leichtigkeit. Auch diese Sexualität kommt so entspannt und verspielt daher, dass kaum zu glauben ist, dass es irgendwann mal nicht so war.

Gestalten und gestaltet werden

Diese Sexualität vergisst sich selbst und findet sich ständig wieder. Sie weiß nicht mehr, wie sie von Wange zu Backe gelangt ist, nur dass sie entzückt ist von dem, was sie vorfindet. Diese Sexualität hat ihr „um zu“ vergessen: sie stimuliert nicht um zu …, sie plant nicht um zu …, sie spricht nicht um zu … Ging es davor noch um Tabus und Identitäten, die den Sex behindert, angetrieben oder besessen haben, ist die Rüstung jetzt brüchig. Tarnen und Täuschen, um zu gutem Sex zu kommen oder ihn nicht zu verderben, interessiert nun nicht mehr. Die Definition vom guten Sex selbst hat sich gewandelt.

Verbindung schaffen, Verbindung halten und sehen was passiert … hier ist Kunst im Entstehen. Gestaltend und Gestaltetes in einem, gemacht und genossen zugleich, Dialog Mehrerer und Monolog des großen Ganzen.

Wenn Aphrodite wieder baden geht

Die Vorahnung einer solchen Sexualität kann vielversprechend und quälend sein. Sehnt sich das Innerste nämlich nach mehr Verbindung, Natürlichkeit und Erotik, entsteht einerseits Bewusstsein dafür, dass Himmlisches möglich sein kann. Andererseits ist gerade dann die Kluft zwischen Sachverhalten und Sehnsüchten besonders groß. Hinderliche Masken und achtlose Handlungen fallen im Lichte dieser neuen Gegenwärtigkeit schmerzhaft auf.

Gegenwärtigkeit ist aber nicht nur Merkmal der Herz-Sexualität die wir uns wünschen, sondern auch der Weg dorthin. Auf dieser Ebene wird die gemeinsame Gegenwärtigkeit angenehm, belebend, berauschend.

Wenn die Liebe endlich an Land geht, Begegnungen wieder süßscharfheiß und köstlich schmecken und klar wird, dass diese Heilung keine Sache des Zufalls sondern tiefgreifender Veränderung war, entweicht uns ein sehr (sehr) erleichtertes: „PUH!“ An diesem Punkt angelangt steckt hinter einem dahingesagten „Alles wird gut!“ die ganze Autorität unserer gesammelten Erfahrungen.

Die Entspanntheit und Verspieltheit im Sex kann darüber hinwegtäuschen, dass es sich dabei um einen besonders gelungenen Ausdruck menschlicher Liebeskunst handelt. Ich wiederhole mich, aber: große Kunst wirkt immer schwerelos, federleicht, spielerisch. So auch der Sex auf dieser Stufe.

Doch wenn die Künstler von der Bühne gehen, wenn Aphrodite das Land verlässt und ins Meer zurücksinkt, und wir versuchen, ohne die Muse das Kunststück zu wiederholen, wird deutlich, was da gerade über uns gekommen ist.

Es zeigt sich das Gift dieser Stufe: bittere Enttäuschung, weil so einfach verloren ging, was ganz einfach bei uns war.

Es zeigt sich die Versuchung dieser Stufe:
ES wieder holen wollen,
ES wiederholen wollen.

Liebende müssen nun den Strand verlassen wo sie einander begegnet sind und Künstler aus dem Rampenlicht zurückgehen in ihr Atelier. Die Lektion dieser Stufe ist es, wieder und wieder einzutauchen ins Meer, ins Jetzt, ins Herz.

Das Geschenk dieser Stufe:
Begreifen, dass sich Aphrodite nicht drängen, aber sehr gerne locken lässt. Sie liebt die Pflege der Sinne, des Schönen und Anregenden. Und wenn sie nun doch nicht an Land kommen sollte, so wurde immerhin der Tag in all seinen Möglichkeiten verschmaust: mit Haut und Haar.

2 Antworten zu “Yoga der Sexualität ::: Teil 5 ::: Liebe geht an Land

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